In unserer globalisierten Welt wird das Bewusstsein für nachhaltigen und fairen Konsum immer ausgeprägter – so trinkt mittlerweile auch bei vielen Kaffeeliebhabern das Gewissen mit. Es ist längst bekannt, dass die durchschnittlichen Löhne der Kaffeebauern und ihrer Angestellten in den Dritte-Welt-Ländern häufig nicht ausreichen, um ihre Familien zu ernähren. Zertifizierter Fairtrade Kaffee scheint daher eine passende Antwort auf dieses Problem zu sein, da den Kleinbauern so Mindesteinkünfte garantiert werden. Untersuchungen zeigen aber, dass das Siegel oft nicht hält, was es verspricht. Deshalb gehen wir in diesem Artikel der Frage nach: Ist Fairtrade Kaffee wirklich fair? Und welche alternativen Ansätze gibt es?

Kurz zusammengefasst

Bei einem Kaffee mit Fairtrade-Siegel kann der Käufer darauf vertrauen, dass die vorgegebenen Standards (z. B. Lohn der Kaffeebauern) eingehalten werden. Das Fairtrade-System hat jedoch Schwachstellen (z. B. hohe Zertifizierungskosten, Nichtberücksichtigung landesspezifischer Unterschiede). Ob man Fairtrade Kaffee als ‚fair‘ erachtet, muss somit jeder für sich selbst entscheiden.

Wo liegt das Problem des Kaffeeanbaus und wie kann ein Siegel helfen?

Heute ist Kaffee so günstig, dass ihn sich nahezu jeder leisten kann. Zudem ist er das Lieblingsgetränk der Deutschen – ja, sogar noch vor Bier. 😉 Vor hundert Jahren sah das noch anders aus. Kaffee war ein absolutes Luxusprodukt, das nur für Menschen mit einem überdurchschnittlichen Einkommen erschwinglich war.

Was sich dagegen bis heute kaum verändert hat, ist die schwierige Situation in den Erzeugerländern. Auf den Plantagen müssen die Kaffeebauern häufig unter schlechten Bedingungen und zu geringen Löhnen arbeiten. Nicht selten ist die Armut so groß, dass die gesamte Familie (inklusive der Kinder) die schwere Arbeit auf der Kaffeeplantage verrichten muss.

Kaffee wird vorwiegend in Entwicklungsländern angebaut. Siegel wie Fairtrade können helfen, die Lage vor Ort zu verbessern. Siegel bescheinigen Zwischenhändlern und Endkunden, dass bestimmte, genau festgelegte Kriterien eingehalten und überprüft werden. Es geht dabei meist nicht um die Qualität eines Produkts, sondern um Arbeitsbedingungen und Umweltstandards, also Informationen, die dem Konsumenten ohne die Siegel verborgen bleiben oder die sich nur schwer einholen lassen. Gerade beim Endkunden entsteht das Bewusstsein für Missstände oft erst durch die Auseinandersetzung mit der Bedeutung des entsprechenden Siegels.

Die Welt der Siegel– wer darf ein Siegel führen und wer vergibt sie?

Damit ein Siegel geführt werden darf, müssen bestimmte ökologische, ökonomische und/ oder soziale Standards eingehalten werden. Siegel können von unterschiedlicher Stelle vergeben werden.

Das EU-Bio-Siegel wird beispielsweise von der Europäischen Union herausgegeben. Staatlich zugelassene Kontrollstellen vergeben es dann in Deutschland an die entsprechenden Unternehmen.

Anders sieht es bei ‚Pro Planet‘ aus: hier handelt es sich um ein Siegel der REWE Group, das unter anderem auf Nuss-Nougat-Creme, Eiern und Fischstäbchen zu finden ist. Weil Labelnehmer und Labelgeber in diesem Fall identisch sind, wird der komplette Vergabeprozess von unabhängigen Institutionen mitbestimmt. Der ‚Blaue Engel‘, der ein Produkt als umweltverträglich kennzeichnet, wurde wiederum vom Staat ins Leben gerufen. Vergeben wird er von einer unabhängigen Jury.

Für fairen Handel gibt es eine Vielzahl an Siegeln. Oft orientieren sie sich am FairTrade Standard.

Allein diese drei Beispiele zeigen, wie komplex die Thematik ist. Auch unterscheiden sich Siegel stark in ihrer jeweiligen Transparenz. Während beim Neuland-Siegel (Nachhaltigkeitssiegel zur ökologischen Verbesserung bei der Herstellung von Fleisch und Fleischprodukten) der gesamte Vergabeprozess leicht zugänglich und nachvollziehbar auf der zugehörigen Website eingesehen werden kann, ist das bei anderen Siegeln nicht ohne Weiteres möglich. Beim UTZ CERTFIED Siegel (Verbesserung von Anbau, Verarbeitung und Handel von/ mit Lebensmitteln) werden Trägerschaft und Ziele in leicht zugänglichem Infomaterial dargelegt. Das Vergabeverfahren sowie die Kriterien für den Erhalt des Siegels sowie die Kontrolle sind jedoch nicht transparent, da es dazu nicht genug Informationen gibt, die kostenlos öffentlich zugänglich sind.

Eine gute Übersicht über verschiedene Label mit Bewertung und weiterführenden Information bietet zum Beispiel das Portal Label online.

Was ist Fairtrade?

Fairtrade ist der Eigenname der Fairtrade Labeling Organisation International (FLO). Das Fairtrade-Siegel soll Missstände in der Produktion von Nahrungs- und Genussmitteln in der Dritten Welt bekämpfen.

Die FLO ist der weltweit größte Zusammenschluss von Organisationen, die Siegel für fairen Handel vergeben. Die Organisation soll gezielt kleinbäuerliche Betriebe fördern.

Das besagen die Fairtrade-Standards

Alles Fairtrade?!

Das Fairtrade-Siegel ist geschützt und hat somit eine einheitliche Bedeutung. Vorsicht: die Begriffe ‚Fair Trade‘ (auseinander geschrieben) sowie ‚fairer Handel‘ sind nicht geschützt können von jedem verwendet werden.

Es gibt verschiedene soziale, ökologische und wirtschaftliche Standards, die Kleinbauern, Plantagen und Unternehmen entlang der gesamten Produktionskette einhalten müssen, um zertifiziert zu werden. Diese umfassen folgende Inhalte:

• Stärkung der Kleinbauern.
Dazu zählen Anforderungen an die demokratische Organisation von Kooperativen und die Förderung gewerkschaftlicher Organisation auf Plantagen. Geregelte Arbeitsbedingungen, das Verbot von Kinderarbeit und das Diskriminierungsverbot runden den Punkt ab.

• Umweltschutz.
Ein umweltschonender Anbau, der Schutz natürlicher Ressourcen, das Verbot gefährlicher Pestizide und gentechnisch veränderten Saatguts sowie die Förderung des Bio-Anbaus durch den Bio-Aufschlag sind bei Fairtrade vorgeschrieben.

• Spezifische Anforderungen an Händler und Hersteller.
Dazu gehören zum Beispiel die Bezahlung des Fairtrade-Mindestpreises und der Fairtrade-Prämie, sowie das Vorlegen von Nachweisen über Waren- und Geldflüsse sowie transparente Handelsbeziehungen.

Weltmarktpreis vs. Fairtrade Preis

Der Weltmarktpreis ist der Preis, der an den Börsen New York (Arabica) und London (Robusta) bei Warentermingeschäften für einen definierten Standardkaffee gezahlt wird. Er ist starken Schwankungen unterlegen und wird unabhängig von tatsächlicher Qualität, Ursprungsland und Herstellungskosten bestimmt. Derzeit liegt der Weltmarktpreis umgerechnet bei 2,08 € / kg (Stand: 07/2019).

Kaffeebauern, die mit Fairtrade zusammenarbeiten, erhalten für ihre Bohnen den Fairtrade-Mindestpreis. Dieser liegt aktuell bei 2,76 € / kg (Stand: 07/2019) für gewaschenen Arabica. Der Fairtrade Mindestpreis ist verlässlicher, da er, anders als der Weltmarktpreis, nicht sinkt. Wenn der Weltmarktpreis jedoch über den Fairtrade Mindestpreis steigt, erhalten auch die Fairtrade Bauern den höheren Preis.

Neben dem Mindestpreis, den die Kaffeebauern erhalten, wird den Produzentenorganisationen die sogenannte Fairtrade Prämie (0,40 €/ kg) gezahlt. Mit dem Großteil des Geldes werden soziale und wirtschaftliche Projekte gefördert. Ein Teil wird in Maßnahmen zur Steigerung von Produktivität und Qualität investiert. Wohin die Fairtrade Prämie genau fließen soll, entscheiden die Kleinbauern demokratisch.

Ein weiterer Aufschlag erfolgt für biologisch angebauten Kaffee. Hier erhalten die Bauern zusätzlich 0,60 €/ kg. Damit sollen sowohl die höheren Kosten in der Produktion berücksichtigt als auch Anreize für die Umstellung geschaffen werden.

Quelle: Fairtrade Deutschland

Kaffeeanbau ist nicht gleich Kaffeeanbau

Der Kaffeeanbau wird überall von anderen Faktoren beeinflusst. Auf der einen Seite etwa stehen ertragreiche, maschinell bewirtschaftete Kaffeeplantagen in Brasilien, auf der anderen Seite wildwachsende Kaffeebäume in Äthiopien, die komplett von Hand gepflegt und abgeerntet werden müssen. Es ist daher problematisch, dass Fairtrade einen bestimmten Lohn festlegt, der für Kaffeebauern in aller Welt als fair gelten soll.

Zudem muss hochwertiger, konventioneller Kaffee nicht automatisch ‚unfair‘ sein. Konventionell gehandelter Kaffee orientiert sich nämlich nicht wie Fairtrade an den Weltmarktpreisen, sondern setzt seine Preise abhängig von Qualität und Herkunft grundsätzlich deutlich höher an. So gibt es bestimmte Regionen, die namentlich geschützt sind – wie zum Beispiel Antigua. Aus der Region gibt es keinen Fairtrade Kaffee, da der Verkaufspreis der Bohnen immer über dem Weltmarktniveau liegt. Daher besteht keine Notwendigkeit, ihn zertifizieren zu lassen.

Quelle: destatis / Kaffeereport 2017

Teure Zertifizierung & Subventionen

Eine der wesentlichen Schwächen des Fairtrade-Systems ist die Zertifizierung selbst. Produzenten, die ihren Kaffee mit dem entsprechenden Siegel verkaufen wollen, müssen zunächst eine Antragsgebühr von 525 Euro zahlen. Dann folgt die Erstzertifizierungsgebühr von 2.250 Euro. Im weiteren Verlauf fallen jährliche Gebühren an. Viele Kleinbauern müssen sich deswegen für den Erhalt des Siegels verschulden. Das geht auch zu Lasten der Löhne ihrer Mitarbeiter .

Zudem sind der Fairtrade-Mindestpreis und die Prämie(n) aus wirtschaftlicher Perspektive Subventionen, die unabhängig von der Qualität des Kaffees ausgegeben werden. Wenn ein Produzent also hoch- und minderwertigen Kaffee zu verkaufen hat, dann lohnt es sich für ihn je nach Preislage, den minderwertigen Kaffee zum garantierten Fairtrade-Preis zu verkaufen und den hochwertigen zum höheren Marktpreis. Auf lange Sicht könnte dies ein Anreiz sein, der dazu führt, dass schlechter Kaffee mit Fairtrade-Siegel in den Umlauf kommt und dem System dadurch schadet. Schlussendlich sind es vor allem die hohen Zertifizierungskosten, die die wirtschaftlichen Vorteile mindert.

Damit das Endprodukt das Fairtrade Siegel erhält, müssen alle Beteiligten in der Lieferkette zertifiziert sein – vom Rohkaffee-Produzenten über Zwischenhändler bis hin zum Röster. Der Einzelhandel unterliegt keiner Zertifizierungspflicht.

Kaffeeröster müssen sich in Deutschland sogar doppelt zertifizieren lassen: für den Einkauf des Rohkaffees und für den Verkauf des Röstkaffees. Deshalb bieten viele deutsche Röster aus Kostengründen keinen Fairtrade Kaffee an. Oder aber die gewünschte Kaffeequalität ist nur ohne ein Fairtrade Siegel verfügbar. Ein weiterer Grund ist die Nachfrage: Fairtrade Kaffee macht gerade mal 4,5 % des deutschen Marktes aus und ist somit auch heute noch Nischenprodukt.

Fazit: was kann man als Verbraucher beachten?

Das Fairtrade-Siegel kann man als eine Art Sicherheitsnetz begreifen. Trägt ein Kaffee das Siegel, kann man sich als Konsument sicher sein, dass die entsprechenden Standards eingehalten werden. Die Schwachstellen des Systems, wie etwa die hohen Zertifizierungskosten oder die Nichtberücksichtigung landesspezifischer Anbau- und Kostenunterschiede, machen das Fairtrade Siegel jedoch angreifbar.

Eine Alternative zu Fairtrade bietet Direct Trade (‚direkter Handel‘). Dabei verhandeln die Rohkaffeeeinkäufer die Preise direkt mit den Kaffeebauern. Ein Zwischensystem, inklusive der Zertifizierungskosten, entfällt. Das bietet die Grundlage, um den Bauern einen angemessenen Lohn zu zahlen. Zudem wird der Anreiz gesetzt, hochwertigen Rohkaffee herzustellen, da für eine bessere Qualität eine höhere Summe gezahlt wird. Allerdings handelt es sich beim Direct Trade lediglich um eine Beschaffungsform und nicht um ein Siegel, das an genau festgelegt Standards geknüpft ist. Transparenz ist somit nicht gegeben.

Eine weitere Möglichkeit, um Ausbeutung einzugrenzen, ist der Kauf von hochwertigem Kaffee. Das ist mit einem einfachen Rechenexempel erklärt: das günstigste Pfund Kaffee aus dem Supermarkt kostet 3,49 €. Davon bleiben nach Abzug der Mehrwert- sowie der Kaffeesteuer (7% bzw. 2,19 / kg) noch 2,16 € übrig – für ein Produkt, das vom anderen Ende der Welt stammt und an dem zahlreiche Jobs hängen. Unter diesen Voraussetzungen ist ein faires Gehalt für die beteiligten Kaffeebauern wohl kaum möglich. Bei hochwertigem Kaffee bekommen die Bauern mehr für ihr Produkt und höhere Löhne sind möglich.

Ein weiterer Ansatz ist der Kauf von Kaffees, deren gesamte Verarbeitung im Anbauland erfolgt. Wenn von der Ernte bis zum fertig verpackten Produkt alle Arbeitsschritte im Anbauland selbst erfolgen, werden dort qualifizierte, besser bezahlte Arbeitsplätze geschaffen. Zudem nimmt das jeweilige Land an der gesamten Wertschöpfungskette teil. So wird die Wirtschaft angekurbelt und die Lebensqualität steigt. Diesen Ansatz verfolgen zum Beispiel die Marken Feichtinger (Guatemala) und Solino (Äthiopien). Über Solino haben wir bereits in einem Magazinartikel berichtet: Solino Kaffee: für ein besseres Leben in Äthiopien.

Einen Königsweg gibt es nicht. Wer sich aber mit dem Thema beschäftigt, macht bereits den ersten Schritt in die richtige Richtung.

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